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Im medialen Stimmengewirr der unzähligen Lobeshymnen, die den 90. Geburtstag von Altkanzler Helmut Schmidt im Dezember 2008 begleitetet haben, ist bedauerlicherweise ein Buch beinahe völlig untergegangen, das allerhöchste Aufmerksamkeit verdient hätte. Unter dem unscheinbaren Titel Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt – den Untertitel Der Primat des Politischen über das Militärische sucht man auf dem Umschlag vergeblich – beleuchtet es eine haarsträubende Episode der deutschen Nachkriegsgeschichte, die noch 40 Jahre danach zu den bestgehüteten Staatsgeheimnissen zählt. Was der Münchner Historiker Detlef Bald auf über 250 Seiten darlegt, mutet wie ein fiktiver Politthriller an, wäre da nicht das Geleitwort des Altkanzlers, der den Inhalt sanktioniert.
Das Buch führt zurück in die Hochzeiten des Kalten Kriegs, dessen Frontlinie quer durch Deutschland verlief. Dass sich sämtliche Unionskanzler seit Konrad Adenauer aus Dankbarkeit für Wiederbewaffnung und NATO-Integration als bündnispolitische Musterknaben gerierten, ist hinlänglich bekannt. Was jedoch bis auf den heutigen Tag erfolgreich zum Hirngespinst ideologisch fehlgeleiteter Pazifisten stilisiert worden ist, entpuppt sich nun offenbar doch als Wahrheit: das Gerücht nämlich, dass die Bundeswehr ab Mitte der Sechzigerjahre über eigene Nuklearwaffen verfügt habe. Als „Atom-Minen“ verharmlost, war diese „Atomic Demolition Munition“ (ADM), von denen jede einzelne die dreifache Sprengkraft der Hiroshimabombe besaß, entlang der Grenzen zur DDR und CSSR vergraben worden, um sie im Falle eines tatsächlichen – und wohl auch erwarteten – Angriffs aus dem Osten zu zünden. Schlimmer noch: Die Unionskanzler Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger hatten die Verfügungsgewalt über diese Massenvernichtungswaffen ganz in die Hände der Militärs gelegt, die damit im Ernstfall im Alleingang über den nuklearen Erstschlag hätten entscheiden können.
Detlef Bald weist nach, dass Rüstungspraxis und Verteidigungsdoktrin seinerzeit auf eine nukleare „totale Kriegführung“ auf dem „Gefechtsfeld Europa“ und insbesondere Deutschland angelegt waren. Ferner enthüllt er den jahrelangen Machtkampf, ausgefochten vom ersten sozialdemokratischen Verteidigungsminister Helmut Schmidt hinter den Bonner Kulissen, um den Militärs die Zügel wieder aus der Hand zu nehmen. Ein politisches Lehrstück allererster Güte. Arnold Abstreiter
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