Aus medialer Perspektive wurde von dem, was man heute gern "Qualitätsjournalismus" nennt, in den letzten Jahren wohl nirgendwo so viel verbrannte Erde hinterlassen wie 2015 in Heidenau (Sachsen).
Der Autor, unmittelbarer Zeuge der Heidenauer Hauptereignisse im August, hat akribisch das verfälschte Bild des Geschehens korrigiert und er will die vorliegenden Aufzeichnungen als geschichtlich verwertbare Urkunde sehen. Mit den umfangreichen Materialien und Quellenangaben bieten sie eine gute Grundlage für spätere historische Forschungen.
In zweiter Linie zeigt die Arbeit im Detail die Probleme des modernen Journalismus auf, welcher im Falle der Heidenauer Berichterstattung aus den verschiedensten Gründen Falschinformationen weitergab. Beispielsweise verließ man sich zu sehr auf den Schwarm von haupt- und nebenberuflichen Twitter-Journalisten, welche häufig bei Ereignissen vor Ort sind und zeitnah berichten.
Deren hastig verfasste Informationen sind durch ihre spontane Natürlichkeit sehr subjektiv, fragmentiert und oft völlig unbrauchbar für journalistische Qualitätsarbeiten. Diese Tatsache wird an einem konkreten Beispiel ausführlich aufgezeigt.
Natürlich spielen propagandistische Aufträge der Medien auch eine Rolle, auf die nicht gesondert eingegangen werden muss, da sie sich dem Leser ohnehin aus dem Material eröffnen.
Weiterhin geht der Autor auf die weichenstellenden Ereignisse deutscher und europäischer Geschichte jener Tage ein. Hintergrund der Krisentage ist der Bürgerkrieg in Syrien und die dadurch entstandene sogenannte Flüchtlingskrise, also die Ankunft hunderttausender Menschen, welche in Deutschland Asyl beantragen. Es werden die wichtigsten Protestbewegungen jener Tage erwähnt (Lichtellauf in Schneeberg im Erzgebirge, Montagsdemo in Ottendorf-Okrilla bei Dresden, HoGeSa, PEGIDA), welche sich gegen die Asylpolitik der BRD richten, sowie gegen eine befürchtete Islamisierung des Abendlandes. Aufgezeigt werden ebenso die Berührungspunkte dieser neuen Protestkultur mit der sogenannten Wahrheitsbewegung.
Mit der Aufarbeitung der Ereignisse in Sachsen sind aber auch völlig neue Sichtweisen auf die Zeitgeschichte entstanden. Zum Beispiel ist nie öffentlich darüber diskutiert worden, ob die "fremdenfeindlichen Ausschreitungen" in Heidenau vielleicht eher regierungsfeindlich waren. Und warum traut man sich das so nicht auszusprechen?
Am Ende wird die Frage gestellt: Welchen Verlauf hätte die jüngste Geschichte genommen, wenn sowohl die deutschen Politiker als auch die Medien nach den verzweifelten Protestaktionen der Sachsen nur ein ganz klein wenig nüchterner reagiert und ihre Handlungsweise korrigiert hätten? Die Demonstrationen und Proteste im August 2015 illustrieren in einzigartiger Weise den Scheideweg, den die deutsche Politik und Gesellschaft im Sommer 2015 gewählt hat.
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